Der Gesundheitsbrief

von Dr. Dr. med. Thomas Beck

Vertrauensbildung per Spray? Oxytozin hilft Autisten

Oxytozin hilft Autisten

[ www.wissenschaft-online.de/artikel/1022358 ]

Das körpereigene Peptid Oxytozin gilt schon lange als vertrauensförderndes Hormon, welches das Sozialverhalten wesentlich beeinflusst. Auch bei Autisten, die nur schwer mit ihren Mitmenschen Kontakt aufnehmen können, scheint eine Prise der Substanz kleine Wunder zu bewirken, haben französische Forscher herausgefunden.

Die Wissenschaftler um Angela Sirigu vom Centre National de la Recherche in Bron ließen 13 erwachsene Autisten mit Oxytozin angereichertes Nasenspray einatmen. Anschließend versuchten sich die Probanden an einem Computerballspiel mit drei virtuellen Akteuren: Während der „liebe“ Spieler A den Ball sehr häufig an die Testperson zurückgab, tat das der „böse“ Spieler Ⅽ eher selten. Der „neutrale“ Spieler B verteilte seine Bälle gleichmäßig.

Gesunde Testpersonen erkannten dieses Muster der virtuellen Mitspieler recht schnell und gaben ihre Bälle meist an Spieler A. Autisten, die nur ein Placebo genommen hatten, spielten dagegen gleichmäßig mit allen dreien. Hatten sie jedoch Oxytozin geschnuppert, dann zogen auch sie wie die Kontrollgruppe das kooperationswillige Gegenüber A vor.

In einem zweiten Experiment zeigten die Forscher ihren Probanden menschliche Gesichter mit der Aufforderung, das Geschlecht oder die Blickrichtung zu benennen. Auch hier bewirkte eine Gabe Oxytozin, dass die Autisten stärker auf die Augen des Gegenübers achteten als die Placebo-Gruppe.

Das vom Hypothalamus produzierte Hormon Oxytozin (griechisch oxytokos = schnell gebärend) wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Schwangerschaftshormon beschrieben, das die Geburt unterstützt, die Milchproduktion anregt und die Bindung zwischen Mutter und Kind unterstützt. Nach und nach kristallisierte sich die zentrale Rolle des Hormons im Sozialverhalten heraus: Es wird während des Orgasmus ausgeschüttet, fördert gegenseitiges Vertrauen und baut sozialen Stress ab. Seit 2005 ist bekannt, dass Oxytozin – verabreicht als Nasenspray – kooperatives Verhalten auslöst.

Autismus (griechisch autos = selbst) gilt als Störung im zwischenmenschlichen Verhalten, bei der die Betroffenen stark auf sich selbst bezogen sind und Schwierigkeiten haben, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Die Ursachen des Syndroms sind unbekannt; genetische Faktoren spielen aber vermutlich eine große Rolle (aj).

Andari, E. et al.: Promoting social behavior with oxytocin in high-functioning autism spectrum disorders. In: Proceedings of the National Academy of Sciences 10.1073/pnas.0910249107, 2010.

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4 Reaktionen zu “Vertrauensbildung per Spray? Oxytozin hilft Autisten”

  1. Psycho

    Das ist ein wirklich interessanter Ansatz. Die Frage ist halt, in wiefern man es ethisch vertreten kann, so etwas einzusetzen. Aber das ist ja meist das Problem. Ich bin mal gespannt, in welche Richtung dies noch führen kann. Bisher wusste ich nur, dass man soziale Kompetenzen auch mittels Robotern trainiert, vielleicht wäre eine Kombination dieser beiden Ansätze sinnvoll.

  2. Dr. Beck

    Sehr gute Frage, genau das ist das Problem – neben der medizinischen Frage nach der „richtigen“ Dosis etc?
    Vielleicht gibt es ja bald weitere gute wissenschaftliche Studien zu Oxytocin?
    Da wuerde man das ethische Problem elegant umgehen und auch wegen der Dosis waere es einfacher…

    Ob der Einsatz von Robotern dauerhaft der richtige Weg sind, das kann ich nicht beurteilen.
    Allerdings müssen wir uns schon darüber klar werden, daß die Gesundheit von immer mehr alten Menschen mit immer weniger Mitteln sehr schwer zu erhalten sein wird – und da wird man durchaus über Kostensenkungen nachdenken müssen, die uns heute noch sehr exotisch vorkommen‑ wie zB die Betreuung duch Roboter…

    mfg
    Dr Beck

  3. Manu

    Durch das Auftreten der Savants ist der Autismus ja nicht mehr ein ganz so großes Mysterium. Allerdings ist dadurch schon wieder eine Art Hype entstanden, wie man die Fähigkeiten der Savants nutzen kann, um sie für normale Menschen verfügbar zu machen.
    In welchem Umfang werden die kreativen Potenziale mancher Autisten blockiert, sofern sie sich stärker sozial integrieren können.
    Die Frage ist, ob es nicht gerade eine Eigenart von Künstlern ist, dass sie sehr selbstbezogen sind.
    Aus eigener Erfahrung weiß ich, welche kontemplativer Akt die Kunst ist.

  4. beckdoc

    Hallo Manu

    für alle diejenigen, die vielleicht nicht wissen, was Savants sind: Damit beschreibt man solche Menschen, die eine Art „Inselbegabung“ haben. Das heisst, sie sind in einem ganz engen kleinen Bereich hervorragend begabt, in den anderen Bereichen aber weit unterdurchschnittlich – mit Intelligenzminderung.
    mfg
    Dr Beck

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